Christliche Pessach-Tradition?
In vielen Jugendstellen, Pfarreien und Verbänden sind sogenannte "Pessach-Feiern" Jugendlicher - und zunehmend auch Erwachsener - seit den siebziger Jahren ein gewohntes Bild in der Zeit vor Ostern. Im Jugendseelsorgekreis des Dekanats diskutierten wir zwei Jahre lang immer wieder die Problematik der "Pessach-Feier", die einerseits den christlichen Ursprung des Abendmahls symbolisieren soll und andererseits den Touch einer "Nachfeier" bzw. Übernahme eines originär jüdischen Festes hat. Von dieser Problematik abgesehen stellt sich beim Feiern eines jüdischen Festes mit seinen eigenen Riten und Gebräuchen, deren Bedeutung uns Christen längst verloren gegangen sind, durchaus die Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. Ausgehend von dieser Diskussion entwickelte sich im Dekanat das Bedürfnis, die "Pessach-Feier" nicht einfach wie bisher weiter zu feiern, sondern eine neue Feier für Jugendliche zu entwickeln, die sich mit dem Text des Auszugs aus Ägypten als einer christlichen Glaubensgrundlage beschäftigt - gleichsam eine "christliche Erinnerungsfeier" des Exodus-Geschehens - und auf diese Weise einen Beitrag zur spirituellen Vorbereitung Jugendlicher auf Ostern leistet.
Auf der Basis der Erzählung vom Auszug aus Ägypten (Ex 1,1-4,17) erarbeitete der Arbeitskreis Exodus-Feier (siehe Anmerkung unten) ein Konzept für die Feier mit Jugendlichen, das die Jugendstelle im Dekanat Ramersdorf/Perlach praktisch erprobte. Das Konzept, verschiedene Übersetzungen der Exodus-Erzählung, die gemachten Erfahrungen und Diskussionsbeiträge zum Problem der Pessach-Feiern von Christen wurden in Form einer Arbeitshilfe (Materialien 131) des Erzbischöflichen Jugendamts den Jugendseelsorger/innen in der Diözese zugänglich gemacht.
Exodus feiern
Die Exodus-Feier greift die Erlebniswelten und Erfahrungsräume Jugendlicher in Riten und Impulsen auf und verknüpft sie mit dem biblischen Geschehen des Auszugs aus Ägypten. Aus den Erfahrungen in der Jugendarbeit ist die Feier an einem ganzheitlichen, sinnhaften und nonverbalen Erleben - weg von den Worten, hin zur Erfahrung - orientiert. Sie beschreibt den Weg von der "Trommel des Sklaventreibers" hin zum "Festmahl der Freude". Im ersten Teil steht die stückweise vorgelesene Erzählung des Auszugs aus Ägypten im Vordergrund, die den Jugendlichen in Riten, sinnhaften Impulsen, Bewegung, Liedern und Gebeten verdeutlicht wird und einlädt, mit dem eigenen Leben in Beziehung gebracht zu werden. Der zweite Teil der Exodus-Feier lässt im gemeinsamen Essen die Befreiung und die Rettung durch Gott deutlich werden.
Um dies möglich zu machen, sind die Jugendlichen aktiv in die Feier eingebunden. Neben den verschiedenen Aufgaben bei der Feier (z.B. Einkauf, Vorbereiten des Festsaals, Licht entzünden, Bereitung der Speisen und Getränke) sind die Riten und Impulse bei der Feier so angelegt, dass ein konkretes Erleben und Begreifen (z.B. in Liedern, Essen des "harten Brotes", Prozession, meditativer Tanz, gemeinsames Essen) möglich wird. In den unterschiedlichen Elementen der Exodus-Feier geht es uns vor allem um eine Einladung, sich erlebnisorientiert einzeln und gemeinsam am Beispiel der biblischen Erzählung vom Auszug aus Ägypten mit den Wurzeln des eigenen Glaubens zu beschäftigen.
Ein Beispiel aus der Exodus-Feier: In Anknüpfung an die Lesung "Israel in Ägypten" (Ex 1,1-22) spüren die Teilnehmer/innen mit dem Ritus "Hartes Brot" im beschwerlichen Essen von hartem Brot und Trinken von Wasser dem Leben in seiner minimalsten Form nach. Wasser und hartes Brot (unsere sprichwörtliche "Gefängnisnahrung") symbolisiert Unterdrückung und Unfreiheit, Zwang und Versklavung. Im anschließenden Ritus "Mein Ägypten" bringen die Teilnehmer/innen Versklavung und Unterdrückung in der Bewegung zum Ausdruck. Die Trommel schlägt den "Arbeitsrhythmus" der versklavten israelitischen Pyramidenarbeiter, den Arbeitstakt des modernen Industriefließbandes und den Takt unserer alltäglichen Unfreiheit. Die Teilnehmer/innen gehen diesen Rhythmus der Versklavung mit und tragen ihn durch ihr Gehen, Stampfen, Klatschen oder mit ihren Instrumenten (z.B. Orff-Instrumente, selbstgebastelte Instrumente) mit. Versklavung und Unterdrückung werden so am eigenen Leib erlebbar.
Erfahrungen
Bei der ersten Durchführung im April 2003 konnten sich die teilnehmenden Jugendlichen gut auf die Elemente der Feier einlassen, die stimmig und passend erlebt wurde und eine dichte Atmosphäre ermöglichte. Der überlegte Wechsel von Stille und Aktion regte zum Mitmachen und zum Dabeisein an. Die gewählte Bibelübersetzung (Übersetzungen von Buber/Rosenzweig und Tur-Sinai in Bearbeitung) hatte einen ungewohnt sperrigen Text, der nicht leicht zu "schlucken" war und deshalb zu neuem, intensiven Hören anregte. Die Einbindung vieler Jugendlicher in die Feier (z.B. Aufbau, Musik, Aufgaben bei der Durchführung, Aufräumen) schaffte eine Verbindung untereinander und ein persönliches Teilhaben.
Die positiven Erfahrungen und Rückmeldungen motivieren uns dazu, die Exodus-Feier als feste Veranstaltung in die Jahresplanung der Jugendstelle und des Dekanats zu integrieren.
Mai 2003
Markus Lentner, Dekanatsjugendseelsorger